19.03.2018

Vom Wunder, überhaupt schwanger zu werden und wie wir uns immer weiter von der Natur entfernen

Nackte Zahlen

Wenn wir die Statistiken lesen, wie hoch bzw. wie niedrig die Chancen sind, schwanger zu werden, dann ist es schon ein Wunder, dass es doch so häufig klappt:

Bei 14 % aller Paare, die sich ein Kind wünschen, klappt es mindestens 2 Jahre lang nicht mit einer Schwangerschaft. Selbst wenn alle Voraussetzungen dafür gegeben sind, Mann und Frau uneingeschränkt zeugungsfähig sind, ist die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis nur ca. 30 %. Laut Statistik liegt ungewollte Kinderlosigkeit zu 40 % an weiblicher Infertilität und zu 40 % an der Unfruchtbarkeit des Mannes. Bei 20 % gibt es keinen erkennbaren Grund.

Schwangerschaft ist ein natürlicher Vorgang ...

... und die Natur ist nun mal nicht zu 100 % berechenbar. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle während der Befruchtung: Zellteilung, Wanderung der Eizelle aus dem Eileiter in den Uterus und der dortigen Einnistung. An jeder Stelle dieses Ablaufs kann etwas schief gehen.

In unseren hochentwickelten Industrienationen scheint die Fruchtbarkeit mehr und mehr abzunehmen. Es werden immer weniger Kinder geboren. Teilweise mag das an der weitgehenden Planbarkeit einer Schwangerschaft liegen, aber immer mehr Paare suchen Hilfe in Kinderwunschpraxen, weil es bei ihnen einfach nicht klappen will.

Kind und Karriere

Aus medizinischer Sicht liegt das ideale Alter für eine Empfängnis zwischen 20 und 24 Jahren. Die Tatsache, dass Frauen heute genauso nach Bildung streben und Karriere im Beruf machen wie Männer, ist wichtig und wünschenswert. Die Zeiten sind vorbei, wo der Mann das Geld nach Hause brachte und seine Frau ein Leben lang ernähren musste. Und wir Frauen wollen heute auf eigenen Füßen stehen.

Leider ist Familie und Arbeit heute immer noch sehr schwer vereinbar. In Deutschland spricht man von Armutsrisiko Kind, besonders, wenn ein Elternteil alleinerziehend ist oder wird. Wer zum Wohle seiner Kinder einige Jahre Teilzeit arbeitet, tappt in die Rentenfalle, weil er/sie mit einer geringeren Rente bestraft wird. Frauen werden immer noch schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen in gleicher Position und mit gleicher Qualifikation, weil sie schwanger werden können und damit weniger Produktivität für die Firma einbringen.

So kommt es, dass immer mehr Frauen erst jenseits des 30. Geburtstags ihr erstes Kind bekommen. Eine Zeit, in der die Chance auf Empfängnis auf durchschnittlich 60 % gefallen ist und ab 35 nur noch bei 50 % liegt.

Sozial eingefroren!

Nun sind einige Firmen, wie Apple und Google, auf die glorreiche Idee gekommen, ihren Mitarbeiterinnen im gebärfähigen Alter das Einfrieren ihrer Eizellen zu bezahlen. So können die jungen Frauen dem Unternehmen zu 100 % und mehr ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, bis sie ausgebrannt und müde sind. Mit Anfang oder sogar Mitte 40 lassen sie sich dann die eingefrorenen Eizellen einsetzen, in der Hoffnung, jetzt endlich Mutter werden zu können. Was sie dabei nicht vergessen sollten: Das Ovum einer damals vielleicht Vierundzwanzigjährigen reift nun – wenn es überhaupt gelingt – im Körper einer durch die Arbeit gestressten NICHT MEHR Vierundzwanzigjährigen heran. Auch das birgt eine Menge Risiken! Übrigens kommen bei diesem Verfahren nur 20 – 30 % Prozent lebende Babys auf die Welt.

Mich schaudert allein der Name: Social Freezing. Das hört sich schon so kalt an!

Wann ist nun der richtige Zeitpunkt?

Wir Menschen meinen alles planen und steuern zu können. Wenn wir der Natur aber zu sehr ins Handwerk pfuschen, rächt sich das meistens. Es hat doch einen guten Grund, dass es eine Zeit der Fruchtbarkeit gibt und eine Zeit, wenn die Möglichkeit ein Kind zu gebären abnimmt. Wir aber versuchen, die Natur dem Unternehmerwohl anzupassen. Da ist doch etwas verkehrt herum!

Warum soll eine Frau sich im „fortgeschrittenen“ Alter mit künstlicher Befruchtung herumquälen, nachdem sie ihre ganze Kraft dem Arbeitgeber geopfert hat? Warum gibt es kaum familienfreundliche Arbeitsmodelle mit gleichen Chancen für Männer und Frauen und nicht zu vergessen Alleinerziehenden?

Es muss doch möglich sein, einen Beruf zu erlernen und mit Freude arbeiten zu können; mit Kind(ern)! Es kann nicht sein, dass ein Normalverdiener drei Mal überlegen muss, ob er/sie sich überhaupt noch ein Kind leisten kann – siehe Rentenfalle.

Meine Töchter haben mich vor Jahren einmal gefragt: „wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt, ein Kind zu bekommen? Vor oder nach der Berufsausbildung; nach mehreren Jahren Arbeit oder vor Berufsbeginn, mit dem richtigen Mann oder ohne …?“ Natürlich ist eine vernünftige Planung nicht von der Hand zu weisen, aber ich habe damals geantwortet: „wenn man alle Faktoren im heutigen Arbeits- und Rentensystem und alle damit verbundenen Risiken abwägt, dann ist es eigentlich nie der richtige Zeitpunkt. Es gibt immer etwas, das nicht passt. Irgendwann entschließt man sich dazu, weil man sich ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen kann. Und dann muss man sein Leben so gut wie möglich für die Familie und für sich organisieren, dass es eben doch geht.

Ich hoffe für alle, die sich ein Kind wünschen, dass es „zum richtigen Zeitpunkt“ seinen Weg in ihr Leben findet.

Zurück zur Übersicht